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Gegen das Vergessen

  • Tim Evers
  • 22. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit


Ich sitze auf einer Bank in einem idyllischen Garten. Neben mir wachsen Mangos und Jackfruits an den Bäumen, mehrere Kokospalmen säumen die schmalen Wege und natürlich scheint die Sonne. Die Idylle wird eigentlich nur durch den Baustellenlärm getrübt, der in dieser Stadt allgegenwärtig ist. Eigentlich. Denn umrahmt wird der Park von vier muffigen Betonbauten. Diese stehen im krassen Kontrast zu dem saftigen grün des kleinen Garten Edens und waren die buchstäblich Hölle auf Erden für die 20000 Insassen die hier gewaltsam den Tod fanden.


Wir schreiben das Jahr 1975. Nach jahrelangem Bürgerkrieg übernehmen die Roten Khmer die Macht in Kambodscha. Zunächst als Befreier gefeiert, beginnen ihre Anhänger sofort, ihre wahnwitzige Idee eines Steinzeitkommunismus umzusetzen. Ihr Hass gilt der Freiheit, der Bildung, der Moderne, der Vielfalt, der Menschlichkeit. Sie schaffen Geld und Privateigentum ab, zerstören Bibliotheken und Universitäten und deportieren innerhalb weniger Tage die gesamte kambodschanische Bevölkerung aufs Land. In dem so neugeschaffene Agrarstadt soll das Volk unter harter Arbeit und frei von Unterschieden zu neuer Größe finden.

Innerhalb von drei Tagen werden die 2 Millionen Einwohner der Hauptstadt Phnom Phen „evakuiert“. Auf diesen Gewaltmärschen kommen viele tausend Menschen ums Leben. Zurück bleibt eine Geisterstadt, in deren Zentrum ein Schulgelände aus vier Betonbauten und einem idyllischen Garten liegt: das Folterzentrum Tuol Sleng, kurz S21.

Trotz propagierter Gleichheit unterscheiden die Roten Khmer zwischen dem „neuen“ und dem „alten Volk“. Als „altes Volk“ gilt die idealisierte Landbevölkerung, als „neues Volk“ die verhassten Städter. In dieser Gesellschaftsschicht wittern die Roten Khmer die Feinde der Revolution. Ihr Hass richtet sich vor allem gegen die Intellektuellen.

In ihrem Wahn dienen bereits das Tragen einer Brille, blasse Haut oder weiche Hände als Erkennungsmerkmale vermeintlicher „Volksfeinde“. Tausende werden unter unmenschlichsten Folterungen zu falschen Geständnissen gezwungen. Ihre Porträts hängen in der Genozid-Gedenkstätte Tuol Sleng.

 

Ich verlasse meine idyllische Bank und begebe mich in die Abgründe menschlichen Handelns. Der ausgezeichnete Audioguide führt mich in das erste der vier Gebäude. Die Konfrontation mit dem Grauen erfolgt schrittweise. Auch das Verharren im idyllischen Garten ist Teil des gedenkpädagogischen Programms. Im Block A befinden sich die Folterzellen. In den ehemaligen Klassenzimmern wurden über vier Jahre hinweg mindestens 14000 Menschen bestialisch gefoltert. An den porösen Wänden kann man noch die Blutspuren erahnen. Daneben hängt in jedem Raum ein Foto der letzten Opfer von Tuol Sleng, aufgenommen von den vietnamesischen Truppen, die 1979 Kambodscha besetzten und die Herrschaft der Roten Khmer beendeten. Sieben Gefangene konnten lebend befreit werden, 14 Leichen wurden geborgen und bestattet. Alle anderen Opfer fanden ihr Ende auf den über das ganze Land verstreuten Killing Fields. Insgesamt starben unter den Roten Khmer 2 Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 8 Millionen. Ein Viertel der Bevölkerung wird ausgelöscht, mit ihr Wissen, Techniken, kulturelle und religiöse Praktiken. Die Folgen spüren die Kambodschaner bis heute. Auf den Straßen Kambodschas begegnet man kaum alten Menschen. Eine ganze Generation fehlt, eine weitere ist schwer traumatisiert.

Ich betrete das zweite Gebäude. Hier hängen die zahlreichen Porträts der Insassen des Foltergefängnisses. Ausgemergelte Gesichter schauen mich mit leeren Augen an. Alle halten Nummern in den Händen. Unwillkürlich muss ich an meine Besuche in Auschwitz denken. Die akribische Buchführung des Grauens ist erschreckend ähnlich. Der Wahnsinn ist erschreckend ähnlich.


Auch mein Audioguide zieht später Parallelen zum Völkermord der Nazis. Es ist das Ende meiner Tour und ich stehe am zentralen Mahnmal in der Mitte des Gartens. Der Sprecher betont die Wichtigkeit der Aufarbeitung und des Gedenkens an solche schrecklichen Ereignisse, in Kambodscha, in Deutschland und überall auf der Welt.

Kambodscha steht hier noch am Anfang. Das jahrzehntelange Schweigen und Verdrängen weicht erst allmählich einer gesellschaftlichen Aufarbeitungs- und Erinnerungskultur. Erst Anfang der 2000er Jahre wurden die Köpfe der Roten Khmer verurteilt. Viele ehemalige Kader bekleiden noch immer hohe Positionen in Staat und Gesellschaft, die Zeit der Roten Khmer fand lange keinen Eingang in den Geschichtsunterricht des Landes.

Deutschland hingegen scheint am Ende seines erinnerungskulturellen Weges angekommen zu sein. Die Forderungen nach einem Schlussstrich sind so laut wie nie und manche Politiker_innen wünschen sich nur allzu gerne eine gesamtgesellschaftliche Geschichtsdemenz oder leiden bereits selbst darunter.. Doch ein Ende kann und darf es angesichts solch dunkler Ereignisse nicht geben. Wie wichtig es ist, sich seiner Geschichte zu stellen zeigt mir heute der traurige Blick in die Vergangenheit Kambodschas und der weite Blick nach hause.

Nie wieder ist jetzt.

 
 
 

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