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Der Mann, der nur noch geben will

  • Tim Evers
  • 12. März
  • 5 Min. Lesezeit

04.03.2025, Koh Rong Samloem, Kambodscha



Wir treffen Chris an einem sonnigen Nachmittag in den verstaubten Straßen des kleinen Fischerdorfes M Pai Bay. Mit seiner sonnengebräunten Haut und den langen weißen Haaren sieht er aus wie ein typischer Aussteiger. Aber das ist er nicht, jedenfalls nicht ganz.

Chris ist in Frankreich aufgewachsen, hat aber den größten Teil seines Lebens in den USA verbracht. Dort machte er Karriere und brachte es zu bescheidenem Wohlstand, der es ihm ermöglichte, früh in Rente zu gehen und die Welt zu entdecken. Nach einem langen Leben des Reisens möchte er nun etwas zurückgeben. Das sei seine Mission, sagt er. Und als Ort dafür hat er sich das kleine, verschlafene Koh Rong Samloem ausgesucht.

 



Die Insel bildet zusammen mit ihrer großen Schwester Koh Rong und einigen weitere

winzigen Eilanden den so genannten Koh Rong Archipel im Golf von Thailand. Zahlreiche Schiffsrouten verbinden die beiden Inseln mit dem kambodschanischen Festland. Zentraler Ausgangspunkt für die Erkundung der kleinen aber feinen kambodschanischen Inselwelt ist die Hafenstadt Sihanouk Ville. Das „Ville“ (französisch für Dorf) im Namen ist wohl ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Die Küstenstadt ist eine boomende Metropole, deren leuchtende Skyline bei gutem Wetter bis zu den einsamen Stränden der Koh Rong Inseln reicht. Der einzige Überseehafen des Landes hat Geld in die Stadtkasse gespült und einen regelrechten Bauboom ausgelöst. Wichtigster Handelspartner: China. Wie in vielen anderen Ländern Südostasiens investiert das Reich der Mitte auch in Kambodscha massiv in die Infrastruktur. Auch auf den einst verschlafenen Koh Rong Inseln. Doch wie so oft auf tropischen Inseln geht hier alles langsamer. Das gilt für seine Bewohner wie für seine Besucher und eben auch für chinesische Infrastrukturprojekte. Und so befindet sich das winzige Koh Rong Samloem in diesem zarten und zebrechlichen Zustand der Perfektion, den Reisende aus der ganzen Welt suchen. Ein Zustand, in dem sich die Insel gerade so weit entwickelt hat, dass westliche Besucher nicht auf jeglichen Komfort verzichten müssen, aber dennoch möglichst viel unberührte Natur und authentisches Leben für ihre Entdecker bereit hält. Für Koh Rong Samloem heißt das: keine Straßen, kein Verkehr, keine Resorts, kein Massenturismus, stattdessen kilometerlange, menschenleere Strände, leuchtendes Plankton, ein quirliges kleines Fischerdorf mit der einen oder anderen schicken Bar und jede Menge herzliche Inselbewohner.



Chris hat dieses Paradies eher zufällig entdeckt. Der Rentner ist mal wieder auf Reisen, als er Anfang des Jahres hier strandet und sich sofort in die Insel verliebt.

Uns geht es ähnlich. Eigentlich haben wir uns auf der großen Schwesterinsel niedergelassen. Koh Rong Samloem klingt in den gängigen Reiseführern eher zu verschlafen. Wir fühlen uns sehr wohl auf der Nachbarinsel, doch als wir unseren Aufenthalt verlängern wollen, finden wir kein freies Zimmer mehr. Es ist Hochsaison in Kambodscha und auch wenn man auf Koh Rong sicher noch nicht von Massentourismus sprechen kann, verdichten sich die Anzeichen und der geplante Flughafen wird sicherlich ein weiterer Kipppunkt sein.

Am nächsten Tag stehen wir am kleinen Fähranleger. Es ist windig, die See ist rau und wir sind noch nicht bereit, das Paradies zu verlassen. Doch zum Glück finden wir auf der kleinen Nachbarinsel viele freie Zimmer. Tapfer kämpft sich die kleine Fähre durch die hohen Wellen. Immer wieder schlagen sie über die Reling auf das Deck und verschaffen dem einen oder anderen Passagier eine unfreiwillige Abkühlung. Über dem Dröhnen der Motoren ist das schallende Lachen unserer Tochter zu hören, bis es sie schließlich selbst erwischt. Nach einer guten Stunde ist der Spuk vorbei und wir erreichen die geschützte Bucht M'Pai Bay auf Koh Rong Samloem. Schon beim Verlassen des Piers ergreift uns die einzigartige Atmosphäre dieses kleinen Ortes. Wir ziehen unsere Schuhe aus und stapfen barfuß durch den feinen Sand zu unserer Unterkunft. Die Schuhe landen in der Ecke, in den nächsten Tagen werden wir sie hier nicht mehr brauchen. Wir buchen für zwei Tage und verlängern gleich noch einmal.  So wie uns geht es vielen und die Insel hat wohl schon ganze Weltreisepläne zunichte gemacht.


Am dritten Tag treffen wir Chris. Der Franzose steht vor seiner neuen Schule, die noch etwas spartanisch eingerichtet ist. Nur die vielen Kinderzeichnungen und das große Schild am Tor lassen vermuten, dass es sich hier um eine Bildungseinrichtung handelt. Das ehemalige Hostel-Gebäude hat er kurzerhand gemietet, nachdem die örtliche Schule sein Hilfsangebot abgelehnt hatte. Doch für Chris war klar: Er will bleiben und etwas bewegen, seine Kraft und Energie in die Zukunft der Kinder von Koh Rong Samloem stecken. Kambodschas Gesellschaft ist extrem jung und wie überall in diesem Land lächeln einem auch auf Koh Rong Samloem viele Kindermünder entgegen. Und genau aus diesen Kindermündern soll nach Chris' Vorstellungen in Zukunft ordentliches Englisch erklingen. Die Idee: In der aufstrebenden Tourismusdestination könnten die Kinder direkt vom Tourismus profitieren, denn Englischkenntnisse sind rar und werden in den öffentlichen Schulen oft nur unzureichend vermittelt.

 

Chris spricht beim Gemeinderat vor und bittet um Erlaubnis für sein Projekt. Dann macht er sich auf die Suche nach einem geeigneten Gebäude. Die alte Jugendherberge ist perfekt für seine Zwecke. Er entkernt die beiden Schlafsäle und richtet auf der Terrasse das erste „Klassenzimmer“ ein. Im Inneren sollen weitere folgen. Er selbst wohnt auch in dem Gebäude. Zwischen Toilette und alter Küche hat er sich eingerichtet. Quer durch den Raum verläuft eine Wäscheleine. In der Küchenspüle liegt noch die nasse Wäsche. Daneben steht ein kleiner Schreibtisch mit Drucker und Internet-Router. Auf der anderen Seite des Raumes steht ein einzelnes Bett. Die Wohnung eines Asketen. Die Wohnung eines Mannes, der ab jetzt nur noch geben will. Auf der Terrasse sieht es freundlicher aus. Hier ist der Bereich für die Kids. Die Außenwände sind mit Kinderbildern bemalt. In großen Kisten liegen Bücher, Stifte, Bastelsachen und Spiele. An der Wand hängen zwei Tafeln, vor denen viele kleine Klapptische auf bunten Gummimatten stehen. Hier werden später die Kinder sitzen und an ihren Tischen arbeiten. Doch der Platz reicht nicht. Nach einem schleppenden Start kommen von Tag zu Tag mehr und schon bald trage ich mit Chris Nachschub an Matten, Tischen und Bastelmaterial von der Fähre zur Unterkunft. Der Unterricht findet täglich von 12 bis 14 Uhr statt. Eigentlich haben die Kinder um diese Zeit Mittagspause in ihrer regulären Schule und trotzdem strömen sie in Scharen zu Chris. Zu Hause unvorstellbar. Um den Ansturm zu bewältigen, setzt er auf Freiwillige. Reisende aus aller Welt helfen Chris in seiner kleinen Schule, unterrichten die Kinder, singen, tanzen und basteln mit ihnen. Diese nehmen das Angebot dankbar an, die Luft ist erfüllt von Kinderlachen. In einer Ecke steht Chris, beobachtet das Treiben und zählt wie jeden Tag die Köpfe. 32 Kinder und 9 Voulunters, sagt er mehr zu sich selbst als zu mir und lächelt seelig in sich hinein.



 
 
 

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