IT-Arbeiten in der antiken Stadt
- Tim Evers
- 17. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
08. März 2025, Ancient City, Siam Reap, Kambodscha

Der Morgen ist dunkel und frisch. Der nächtliche Regen hat den Glutofen von Siam Reap etwas abgekühlt und ich friere auf meinem Moped. Vereinzelt kommen mir Autos und Motorräder entgegen. Die ersten Garküchen bauen ihre Essensstände auf. Ansonsten ist es ruhig. Ein erster Silberstreif erhellt den Horizont und ich muss mich beeilen, wenn ich pünktlich sein will. Doch nach wenigen Kilometern passiere ich die Stadtgrenze und erreiche das riesige Areal, das die Einheimischen „Ancient City“ nennen und uns Besuchern als Angor Wat bekannt ist. Dabei beschreibt der Begriff Ancient City die ganze Sache viel besser. Denn eigentlich ist Angkor Wat (wenn auch der berühmteste) „nur“ einer von vielen Tempeln auf dem weitläufigen Gelände einer ehemaligen antiken Stadt. Wie viele andere Besucher mache ich mich auf den Weg, um den Sonnenaufgang über einem der 1000 Jahre alten Monumente zu bewundern. Berühmtheiten wie Angkor Watt und Watt Phrom, wo der erste Tomb Raider-Film gedreht wurde, meide ich jedoch. Stattdessen wähle ich einen künstlichen und wenig besuchten See, der etwas abseits der großen Anlagen liegt. Die Hoffnung ist, hier auf weniger Besucher und möglichst keine Sicherheitsleute zu treffen, um meine Drohne unbemerkt fliegen zu lassen. Ich bin fast allein und doch geht mein Plan nicht auf. Ich bin noch keine zwei Minuten in der Luft, als wie aus dem Nichts eine Sicherheitsfrau auftaucht und mich mit Händen und Füßen auffordert, das Fluggerät zu landen. Einer der wenigen anderen Besucher springt ihr zur Seite und erklärt mir freundlich auf Englisch, dass ich hier nicht fliegen darf. Ich entschuldige mich, packe zusammen und die Sicherheitsbeamtin zieht zufrieden von dannen. Der freundliche Helfer bleibt. Eifrig fotografiert er die aufgehende Sonne, die auf der anderen Seite des Sees den Horizont in ein rot-gelbes Spektakel verwandelt. Ich steige ein in das Klicken der Auslöser. Nach ein paar Minuten ist das Schauspiel am Himmel vorbei. Eine junge Frau will mir einen Kaffee verkaufen. Mit den Worten „vielleicht später“ versuche ich sie abzuwimmeln, doch schlagfertig erklärt sie mir, dass sie in ein paar Minuten zur Schule müsse und dann keine Zeit mehr habe.
Aus Demut vor so viel Fleiß und Eifer bestelle ich einen. Außerdem gibt es schlechtere Orte, um einen Kaffee zu trinken, und mein Körper signalisiert mir auch, dass er einen gebrauchen könnte.

Also nehme ich auf ein paar Stufen Platz und warte. Der freundliche Helfer und Fotografenkollege setzt sich zu mir und wir kommen ins Gespräch. Narith ist in meinem Alter. Aber als ich gerade mein Abitur gemacht habe, hat Narith geheiratet und seinen ersten Sohn bekommen. Von den Ersparnissen der Familie hat er sich ein Tuk Tuk gekauft und fährt seitdem wie unzählige andere Kambodschaner Touristen durch die Ruinen von Angkor. Leider habe seine Kundin spontan abgesagt und so ist Narith an diesem Morgen umsonst aufgestanden und ihm fehlen wichtige Einnahmen, mit denen er schon fest gerechnet hatte. Doch Narith nimmts gelassen und nutzt stattdessen die Zeit, um seiner geheimen Passion nachzugehen. Er fährt trotzdem zu den Rouinen, um wie ich Fotos vom Sonnenaufgang zu machen. Wir zeigen uns gegenseitig unsere Bilder und Instagram-Accounts und Narith zeigt mir stolz seine ehemaligen Kunden aus aller Welt und deren Bewertungen für ihn auf Tripadvisor. Dann erzählt er mir, dass er gerne eine Website für sein Geschäft hätte. Seine Versuche eine zu erstllen, seien jedoch leider gescheitert. Ich zeige ihm unseren Blog und Narith fragt mich direkt, ob ich ihm bei seinem Projekt helfen könnte. Ich versuche zu erklären, dass das nicht in ein paar Minuten zu schaffen ist, aber Narith ist schon so aufgeregt und macht Vorschläge, wie er sich revanchieren könnte, dass ich kurzerhand einlenke. So sitzen wir bei Sonnenaufgang an einem See zwischen den Ruinen einer tausendjährigen Stadt und versuchen mit unseren Handys eine Internetseite zu programmieren. Und natürlich scheitern wir. Meine Ideen und Vorschläge brauchen am Ende alle einen Computer. Narith hat keinen und auch meine Recherchen führen zu keinem Ergebnis. Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel und wir geben auf. Narith bedankt sich trotzdem herzlich. Wir tauschen Kontaktdaten aus, umarmen uns und ich verspreche, ihm auch aus der Ferne mit seiner Website zu helfen.


Dann breche ich auf und bin für den Rest des Tages vom Glück geküsst. Anscheinend habe ich mit meiner Hilfsbereitschaft an diesem heiligen Ort und zu dieser magischen Zeit ordentlich auf mein Karma-Konto eingezahl. Jedenfalls sind die Menschen an diesem Tag besonders freundlich zu mir. Fünf Minuten nachdem ich mich von Narith verabschiedet habe, werde ich zu einer Hochzeit eingeladen. An einem abgelegenen Tempel lädt mich ein Mönch auf ein Gespräch ein, an meinem Lieblingstempel treffe ich meine Lieblingstiere und dazu all die anderen kleinen Herzlichkeiten, die an diesem Tag meinen Weg kreuzen.
Offenheit und Freundlichkeit zahlen sich wieder einmal aus, auch wenn der Tag eigentlich mit einer kleinen Straftat begonnen hat.

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