top of page
  • Facebook
  • Instagram

Begegnungen

  • Tim Evers
  • 7. Dez. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2024

17.11.2024, Camotes Islands, Philippinen



Wir fahren in einem Motorradbeiwagen durch die drückend heiße Cebu City. Diese sogenannten Tricycles sind einer der günstigeren Methoden sich im philippinischen Nahverkehr fortzubewegen. Unser Tricycle hat definitiv schonmal bessere Tage gesehen, doch das haben sie hier alle. Wir fahren vorbei an windschiefen Häuschen und Wellblechverschlägen. Immer wieder fährt unser Fahrer hinein in das Labyrinth aus Holz, Blech und Menschen, um den zum Erliegen gekommenen Verkehr auf Cebus chronisch verstopften Straßen zu umfahren. Ich erinnere mich an die Worte des Autoren Andreas Altmann. Während seiner Reise durch Südamerika schreibt er: „Armut ist langweilig, sie sieht überall gleich aus“. Tatsächlich scheint der Baustoff der Armen dieser Welt Wellblech zu sein und einen Slum erkennt man, wenn man vor ihm steht, egal ob in Rio de Janeiro, Daressalam oder Cebu City. Dennoch muss ich meinem Lieblingsreisebuchautoren widersprechen. Armut langweilt nicht. Sie schockiert und fasziniert, immer wieder.

Einen Tag später schippern wir auf einer Fähre auf der Straße von Cebu Richtung Osten. Auch der Kahn hat seine besten Tage hinter sich. Modrig feuchter Geruch schlägt uns entgegen, als wir das Schiff betreten, verrostete Türen schließen oder öffnen nicht mehr und natürlich ist die Klimaanlage kaputt. Doch statt sich zu entrüsten, genießen alle Passagiere die scheinbar spontane Musikdarbietung der Schiffscrew. Zusammen mit den unzähligen bootseigenen Kakerlaken schaukeln und klatschen wir zu Klassikern der internationalen Weihnachtsmusik, bevor alle etwas Kleingeld in die Weihnachtsmütze der dankbaren Bootsjungen stecken. Die knapp ein Dutzend jungen Männer leben und arbeiten auf diesem Schiff. Hinter einem provisorisch abgesperrten Gang auf dem Oberdeck schaukeln ihre Hängematten im Wind, stapelt sich ihr schmutziges Kochgeschirr. Die Vorstellung, jede Minute seines jungen Lebens auf diesem schwimmenden Klumpen Rost verbringen zu müssen ist schockierend. Und dennoch können die Jungs wohl glücklich über ihre Arbeit sein. Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem auf den Philippinen, wie uns später die freundliche Köchin Lillian noch erzählen wird. Trotzdem müssen die jungen Männer ihr wohl schmales Gehalt mit dem Singen von Weihnachtsliedern aufbessern.

Auch das gehört zur Armut. Sie macht erfinderisch.

Zwei Stunde später erreichen wir Camotes Islands. Die verschlafenen Inseln fristen ihr Dasein im Schatten der touristischen Epizentren der zentralen Visayas. Abseits der vielen Vor- und Nachteile des internationalen Tourismus glänzen die kleinen Inseln vor allem mit einem: Ursprünglichkeit.

Wir mieten ein Motorrad und erkunden die über einen schmalen Damm verbundenen Inseln. Motorradfahren auf Camotes heißt Menschen beim Leben zu zuschauen, geduldig, doofen Hunden auszuweichen und mal lecker duftenden und mal kratzig beißenden Rauch in der Nase zu haben. Uns gefällt es und so verbringen wir die nächsten Tage damit flüchtige Blicke in den Alltag der Menschen zu erhaschen. Unsere täglichen Ausflüge beginnen mit dem Passieren einer Baustelle. Hier malocht eine Handvoll Bauarbeiter jeden Tag in der brütenden Sonne. Schwerste Arbeit mit einfachsten Mitteln. Doch ihr alltägliches Lächeln beim Passieren könnte nicht größer sein und wird nur noch getoppt, als wir halten und den sympathischen Männern eine Tüte voll Obst überreichen.

Mein spontaner Akt der Nächstenliebe folgt dabei ehrlicherweise eher pragmatischen statt ehrenvollen Motiven. Eine Stunde zuvor hatte mir ein Obstverkäufer auf dem Markt ein halbes Kilo Lanzones aufgeschwatzt, die er aus einem verbeulten Blecheimer heraus verkaufte. Ich durfte die kleine süßsäuerliche Frucht probieren, hatte ein scheinbares Erfolgserlebnis beim Verhandeln und habe noch mal ein viertel Kilo oben drauf bekommen, weil der kleine Mann mit dem gewieften Lächeln natürlich kein Wechselgeld hatte. Als der Markt eine viertel Stunde später schließt, war der Platz des Lanzones-Verkäufers als erstes verwaist. Unser Geschäft genügte wohl für einen erfolgreichen Sonntag und ich neige innerlich mein Haupt vor so viel Gerissenheit.

Ich verließ den Markt also mit einem knappen Kilo einer Frucht, die am Ende nur mir schmeckte. Viel zu viel für mich und so freuen sich am Ende die Bauarbeiter ehrlich über ihren kleinen Mittagssnack.

Wir fahren weiter. Die meisten Häuser auf Camotes erstrecken sich entlang der wenigen Hauptstraßen der Inseln und das Leben der Menschen spielt sich wie so oft in tropischen Gefilden auf der Straße ab. Mit unserem Motorrad sind wir also nah genug dran, um wie ein Zaungast vorschnelle Urteile fällen zu können. Wir fahren vorbei an windschiefen Häuschen und Wellblechverschlägen. „Armut ist langweilig. Sie sieht überall gleich aus.“ Doch wer genau hinschaut, findet erste Unterschiede in dieser Aneinanderreihung von Holz und Blech. Und wer zu lange hinschaut, blickt bald in ein grinsendes Gesicht. Ohnehin ist es schwer auf dieser Insel nicht in freundliche Gesichter zu blicken. Überall lächeln sie einem entgegen.

Das freundlichste Gesicht mit dem wohl schallendsten Lachen der Insel hat die Köchin Lillian. Wir lernen sie nicht in der Küche, sondern beim Basteln von Weihnachtssternen kennen. Unsere Tochter ist sofort Feuer und Flamme und die nette Lillian nimmt sich drei Tage lang Zeit einen traditionellen Weihnachtsstern aus Bambus und bunter Folie mit ihr zu basteln. Genug Zeit, um ein wenig ins Gespräch mit der liebenswerten Frau zu kommen.

Sie komme aus einfachen Verhältnissen, wie nahezu alle hier auf dieser Insel. Doch sie habe das Glück mit ihrer Erfahrung und ihrem Alter einen guten Job im Hotel bekommen zu haben. Gerade den jüngeren Leuten gehe das oft anders. Überbevölkerung sei eines der größten Probleme der Philippinen erzählt Lillian. Das enorme Angebot an Arbeitskraft drücke den Preis und sorge für ein Heer von Tagelöhnern und Arbeitslosen. Soziale Frage 2.0. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf die Privatschule. Der Ruf der staatlichen Schulen sei nicht der Beste, so Lillian. Der Staat habe kein Geld für Bildung, während sich korrupte Politiker bereichern würden. Überbevölkerung, geringe Bildung und Korruption, die Zutaten aus denen Armut gemacht ist.

Den fertigen Stern dürfen wir in unser Zimmer hängen. Am Tag unserer Abreise überreicht Lillian unserer Tochter einen weiteren Stern. „Für dich, als Andenken.“, sagt sie mit ihrem breiten Grinsen im Gesicht. Und wir sind gerührt von so viel Großzügigkeit.

Comments


bottom of page